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Dem W+W fehlt nun ein W. Bernd Witthüser ist am 4. Juli 2017 gestorben.
17.08.2017

Witthüser und Westrupp begegneten meinen Ohren zum ersten Mal, als sie noch Kinderohren waren. Das stand das Album „Bauer Plath“ im Plattenregal meiner Eltern, neben allen möglichen anderen Zauberscheiben. Die meisten davon waren Mitbringsel meines Vaters, der beim WDR-Hörfunk u.a. das Nachtmagazin moderierte, bei dem er Musiker und ihre Geschichten vorstellte. Und so auch die Platte mit den beiden langhaarigen und bärtigen Hippies, Kätzchen auf dem Arm und im Gespräch mit Bauer Plath, der ganz offensichtlich alles andere war, als Hippie.



Aber der Bauer und die „Gammler“, das schien irgendwie zu funktionieren, denn immerhin ließ er sie bei sich wohnen und er diskutierte mit ihnen. Das war selten in Zeiten, in denen die Kriegsgeneration und die der 68er sich oft unversöhnlich gegenüberstanden. Meist lehnten einfache und traditionell geprägte Menschen die neuen Gedanken und Lebensweisen einfach und traditionell unreflektiert ab.

Mit vielleicht fünf oder sechs Jahren spielte ich diese Platte dann zum ersten Mal und für mich war sie wirklich eine Zauberscheibe, denn die Musik war angenehm, die Stimmen und auch die Geschichten: alles passte. Auf mich kleinen Jungen wirkte das Ganze wie ein musikalisches Hörspiel, wie eine Oper.



Dann verschwand die Platte wieder im Regal und ich entdeckte erstmal die Scheiben meiner Mutter (Jazz, Gospel und Rock’n’Roll). Zum zweiten Mal stieß ich dann etwa Mitte der 80er auf „Bauer Plath“. Diesmal traf die Musik nicht mehr auf ein Kind, sondern auf einen verspäteten Romantiker und Träumer. Und auch jetzt löste „Bauer Plath“ so Einiges in mir aus. Ich begann Hermann Hesse, Novalis und Hölderlin zu lesen und den obligatorischen „Herr der Ringe“.



Und das alles nur, weil ich Witthüser und Westrupp und - na klar - auch Bands wie „Novalis“ und „Hölderin“ gehört hatte, deren Namen Programm waren. So gesehen ist es urkundlich bezeugt, dass sich meine Deutschnoten u.a. durch den Konsum von Witthüser und Westrupp verbesserten.
Ich kaufte mir seitdem alles von W+W, was leider nicht viel ist. Insgesamt ist aber die Bauer Plath die Krönung - das Beste der beiden, auch dank des genialen Tonmeisters Dieter Dierks. Dahinter stand für mich die Geschichte, dass zwei Menschen aus dem damals dreckigen Pott hinaus auf das Land zogen, Sex’n’Drugs’Rock’n’Roll lebten und offensichtlich auch davon leben konnten. Und dann, als alles so perfekt war - oder schien - trennten sich die beiden. Walter wurde dem Ruhrpott wieder treu, machte einen „ganz normalen“ Job. Bernd dagegen zog nach Italien, um dort konsequent als Straßenmusiker durch die Lande zu ziehen, genau, wie er es mal besungen hatte.



Über Jahre plagte mich die Frage, warum dieses Idyll in die Hose gegangen ist. Erst gegen 2000 bis 2001 wurden W+W und Bauer Plath erneut zurück in mein Bewusstsein geworfen. Da yahoote ich im Internet (Google gab’s noch nicht) zum Spaß mal den Begriff „Witthüser und Westrupp“, nachdem ich das Modem angeworfen hatte (ding-ding-dingeling-doing…krccccchhhhhh….pfffffftttt) und das Ergebnis war die Webseite von Walter Westrupp.



Da hatte doch tatsächlich dieser Krauthippie eine der ersten interessanten deutschen Webseiten hingezaubert. Eine Webseite, wie ich mir kreative Webseiten immer wünsche: dynamisch, organisch und wie ein neuronales Netzwerk. Ich nahm Kontakt auf zu Walter Westrupp. Und nach ein paar netten Mails besuchte ich ihn auf einem Konzert der H.C. Maier Pumpe. Hinterher war nicht der richtige Zeitpunkt für ein Interview. Meine wichtigste Frage schwebte also weiter in der Luft. 2009 dann kam der Kontakt zu Bernd Witthüser dazu. Er war eher auf Facebook unterwegs und auch hier gab es einen netten Mailkontakt, sonst nichts. 2010 gab es das Revival der Essener Songtage im Juze Essen. Da trafen Marcus und ich auf Bernd. Und es war eine echt nette Begegnung. Der Frage, warum es mit Walter nicht mehr klappte, wich er aus. „Zu verschieden“.



Ich lernte ihn kennen als 100-prozentigen Alt-Hippie: mit Schellen am Fuß und Schalk im Nacken. Aber irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass er Schwierigkeiten hatte, nach so vielen Jahren in Italien, im Essener Umfeld wieder Fuß zu fassen. Zu der Zeit hatte er gerade mit Harald Großkopf (Ash Ra Tempel, Wallenstein etc.) und anderen Wegbegleitern eine neue Platte herausgebracht. Das Doppelalbum widmet sich eigentlich der Aufbereitung der Vergangenheit und man merkt Bernd (vor allem seiner Stimme) an, dass an ihm die letzten Jahrzehnte nicht spurenlos vorbei gegangen sind. Mir wird auch deutlich, dass er zwar offenbar die Frontmann-Rolle übernommen hatte, dass Walter in dem Duo aber eine weitaus größere Rolle gespielt hat, als ich früher angenommen hatte.



Anfang Juli 2017 nehme ich erneut Kontakt auf zu Walter Westrupp. Ich möchte doch noch meinen O-Ton haben. Die Mailantwort lautet knapp „Lust schon“. Dann geht es für mich in den Urlaub. Als ich wieder zuhause bin, telefoniere ich mit Harald Großkopf, dem Drummer auf Bauer Plath, einem Kraut-Urgestein und -Neuerfinder. Er erzählt mir vom Tod von Bernd Witthüser, was mich wirklich traf. Von ihm wird die Frage unbeantwortet bleiben. Und dann, nachdem ich die „neuronale Webseite“ von Walter Westrupp durchforstet habe, lese ich, dass er eine Chemo hinter sich hat. Auch ihm spielte das Leben schon übel mit. Wenn ich das mit dem Interview noch hinbekomme, werde ich davon berichten.

Und du, lieber Bernd, lebe wohl. Es gibt Leute hier unten, die dich nicht vergessen werden!









 
 
Letzte Änderung: 09.09.2016 12:35:16
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