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Der lange Weg der E70

Die Vorgeschichte:

Ende des Jahres war es soweit: Der Beschluss, die efeubehängte Yamaha E70 aus dem Hein'schen Wohnzimmer zu entfernen war endgültig. Was war passiert?

Volker Haushaltsvorstand war der barocke Klotz schon lange ein ziemlich wuchtiger Dorn im Auge gewesen. Die Passung zum Wohnzimmerinterieur war bei Gästen und Familie stets ein kontrovers diskutiertes Thema. Als zusätzliche Argumentation der Gegner diente, daß das "gute Stück" durch plötzlich auftretende Unbespielbarkeit an praktischem Reiz verloren hatte. Kurzum, das Asyl war abgelaufen, die Orgel musste weg.

Sämtliche angefragten Möbelpacker hatten den Kopf geschüttelt, als es darum ging, den Koloss zwei Stockwerke in Volkers Studio zu transportieren. Eigene Berechnungen ergaben für einen Transport die Notwendigkeit, entweder das Instrument in handliche Stücke zu zerlegen oder diversen Wände und Türen des Hauses zu "modifizieren".

Gerührt durch Volkers Verlustängste und ausgestattet mit einem gewissen selbstzerstörerischen Trieb bot ich Volker an, die E70 zu übernehmen, sollte sich der Transport in den 5. Stock Altbau des Aachener Studios realisieren lassen.

Mittels eines Kompromisses aus "Organ-Striptease" und einer Kraftanstrengung aus leidenschaftsgetriebener Todesverachtung schafften wir tatsächlich den Transport, womit ich jetzt vor dem zweiten Problem stand.


Das Problem:

Die Orgel war zwar da, aber wie erwähnt, nicht spielbereit. Unmittelbar nach dem Anschalten schien alles normal, allerdings nach ca. 30-60 Sekunden wurde der Sound erst leiser, um kurz danach von einem durchdringenden Brummen abgelöst zu werden.

Leider hatte der Transport, wie ich im Stillen gehofft hatte, das Problem nicht gelöst, es handelte sich also aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um ein Kontaktproblem, das sich mittels "Durchschütteln" von alleine löst.


Die Diagnose:

Auch im Brummen ist noch ganz leise im Hintergrund das Spielen der Tasten zu hören, was zu der These verleitet, dass die eigentliche Tonerzeugung nicht Ursache des Problems ist. Das ist schon mal gut. Die Spezielchips der Steuersektion, die VCAs (IG00151) oder die Filter (IG00155) sind kaum zu kriegen.

Die wahrscheinlichste Diagnose ist eine defekte Stromversorgung, denn Brummen = 50HZ Netzfrequenz= Netzteilproblem. Klar. Und die häufigste Ursache für kaputte Netzteile? Natürlich die Sieb-Elkos.

Also rüber in den örtlichen Elektroladen und erst mal jede Menge dicker Elkos gekauft (sind einige in der E70 verbaut…) . Auslöten, einlöten, provisorisch zusammenstecken, einschalten, spielen:

Klingt herrlich!
Alles Super!
Für 30 Sekunden!
Dann Brummen!
Scheiße!

Also etwas filigraner an die Sache herangehen. Versorgungsspannungen durchmessen. Und siehe da, statt +30V, -30V messe ich bei brummender Orgel: +47V, Tendenz steigend und -13V, Tendenz fallend.

An jedem der beiden 30V-Stränge hängt je eine Verstärkerendstufe, ist ja logisch, dass die eine die Füße hochlegt, wenn sie zuwenig Saft bekommt. Auf der anderen Seite mit High-Power das selbe umgekehrt.

Ich brüte über den Schaltplänen und komme zu dem Schluß, daß evtl. die Dioden in der Gleichrichterbrücke defekt sind. Also Gleichrichter kaufen. Die Geometrie passt nicht ganz, daher ist das Austauschen ein bischen kniffelig. Geht aber trotzdem sauber.

Testen - Spielen - Brummen.

Hmm…! Langsam gehen mir die Ideen aus. Da sind doch noch ein paar kleine Kondensatoren zwischengeschaltet, vielleicht lecken die ja. Also zurück in den Elektroladen. Werde dort inzwischen mit Handschlag begrüßt und einer Mischung aus Mitleid und geschäftlicher Freude behandelt. Eine Handvoll kleiner Kondensatoren ist diesmal der Deal. Nach Hause. Lötkolben schwingen. Jetzt ist die komplette Elektronik ausgetauscht.

Testen - Spielen - Brummen - Verzweiflung macht sich breit!

Meditieren über den Schaltplänen. Vielleicht ist ja eine der Verstärker defekt? Zum Glück sind die Verstärker gleich aufgebaut, man kann mit ein bischen Tricksen die Endstufen vertauschen und so anschließen. Das funktioniert auch. Allerdings ist das Resultat das gleiche wie vorher. Spielen - Brummen. Hilft nicht. Trafo kaputt? Was ist nur los?

Ich weiß nicht mehr weiter und lege das Problem für einige Tage beiseite. Dann beschließe ich, noch mal einfach ein Paar Messungen zu machen Rot zu Blau: 60V. Rot zu Schwarz: +48V steigend. Blau zu Schwarz: -12V fallend. Nur die 60V sind immer schön konstant.


Die Lösung:

Ich beschreite den Weg der letzten Hoffnung. Sicherungen prüfen - obwohl das ja eigentlich nicht sein kann, denn die Spannungen liegen ja an. Sichtprüfungen ergibt: Sicherungen sind OK.

Trotzdem mal rausnehmen und durchmessen und - siehe da: Die betreffende Sicherung ist tatsächlich hin!

Ich überprüfe nochmals die Schaltpläne und kann es nicht fassen: Die von mir sonst so hochgelobten Yamaha-Ingenieure haben die betreffende Sicherung in den Massepfad gelegt! Großer Tadel! Denn statt die Bauelemente vor Überspannung zu schützen, ist bei defekter Sicherung die Masse nicht definiert und die Versorgungsspannungen für die Verstärkerstufen driften in destruktive Bereiche! Da muß man mal drauf kommen!

Auch der Fachverkäufer im örtlichen Elektronikladen schüttelt missbilligend den Kopf, als ich beim Besorgen des finalen Bauteils (der Sicherung) aufgebracht und doch nicht ohne Stolz detailliert davon berichte!

Im Nachhinein frage ich mich, ob er mich wirklich verstanden hat? Hat er überhaupt zugehört? Wenn nicht, wird er nie erfahren, wie man eine brummende Yamaha E-70 wieder zum Leben erweckt.

Ihnen, lieber Leser, bleibt dieses Schicksal wenigstens erspart.



 
 
Letzte Änderung: 09.09.2016 12:35:16
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